“Ich wünsche mir, dass wir unsere Arbeit mehr vernetzen!”

Email-Interview mit Stefan Hippler, deutscher Pfarrer und AIDS-Aktivist
in Kapstadt
 

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"Wenn viele kleine Leute viele kleine Dinge tun..."
Zur Bedeutung von Nahrungszusätzen in ärmeren Ländern



Stefan Hippler, Jahrgang 1960, ist seit 1997 Pfarrer der deutschsprachigen katholischen Gemeinde in Kapstadt, wo er die Aids-Hilfsorganisation Hope Cape Town aufbaute. Zusammen mit Batholomäus Grill verfasste er die Streitschrift „Gott, AIDS, Afrika" in der er die katholischen Kirche zum Umdenken auffordert. Zitate daraus: "Die Kirche verengt alle Sexualität auf den funktionalen Beischlaf und erklärt die Menschen, die sich nicht daran halten, zu Sündern." "Für jene Menschen, die sie strikt befolgen, kommt die katholische Sexualmoral einem Todesurteil gleich. Das gilt in Afrika vor allem für Ehefrauen, deren Männer untreu sind."

Frage:
Lieber Herr Hippler, seit über 25 Jahren gibt es HIV und seit einigen Jahren gab es erhebliche medizinische Fortschritte. Dadurch können heute Menschen mit HIV eine wesentlich höhere Lebenserwartung haben. Wie erleben Sie die Situation in Südafrika?
Stefan Hippler: In Südafrika ist die Situation leider noch nicht so weit wie in Europa. Hier sind die Segnungen der modernen Medizin noch nicht bei all denen angekommen, die ihrer bedürfen. In Südafrika sind ca. 400 000 Menschen zur Zeit auf Behandlung mit HAART Medikation. Über eine Millionen Menschen müssten auf Behandlung sein. Und wir reden hier nur von Menschen, die z.B. aufgrund medizinischer Indikation behandelt werden müssten, d.h. deren CD4 Zählung unter 250 Kopien per Milliliter Blut sind. Die Marke ist ja inzwischen international auf 350 angehoben worden, was die Anzahl der Therapiebedürftigen noch mal ansteigen lassen würde. Aber es sind nicht nur die Kosten, sondern auch das Gesundheitssystem in Südafrika ist überfordert. Es gibt zu wenig Krankenschwestern und in den Krankenhausapotheken fehlt das Personal. Die Lebenserwartung in Südafrika ist statistisch stark gepurzelt in den letzten Jahren – das Sterben geht weiter. Über 600 Menschenleben werden noch immer täglich in Südafrika wegen den Folgen von HIV ausgelöscht.

Frage: Wie ist es zum Projekt HOPE Cape Town gekommen, was konnte dadurch erreicht werden?
Stefan Hippler: Das Projekt HOPE Cape Town ist im Jahre 1999 angedacht und dann 2001 realisiert worden. Ich war damals in meiner Funktion als Rotarier im Tygerberg Kinderkrankenhaus mit einem Telemedizin Projekt beschäftigt, das heißt der Verknüpfung von Krankenhäusern via einem Internet Verbindung. Ärzte im Krankenhaus haben mich gefragt, ob es eine Möglichkeit gäbe, auch im HIV-Bereich Unterstützung zu bekommen, denn jedes dritte Kind, das in’s Krankenhaus kam, war zu der Zeit HIV-positiv. Es gab keine strategische oder pflegerische Antwort auf diesen Ansturm von Patienten. Eine der Ärzte in diesem Krankenhaus war meine Pfarrgemeinderatsvorsitzende; und wie könnte ein Pfarrer seiner Vorsitzenden etwas abschlagen? Also haben wir uns zusammengesetzt und das Projekt HOPE Cape Town entstand. Wir verstehen uns als eine privat-öffentliche Partnerschaft mit dem Bundesland Westkap und wir sind tätig in den Bereichen Behandlung, Pflege, Arbeit mit traditionellen Heilern, Ausbildung von sogenannten „Gesundheitsarbeitern“, haben ein extensives „Outreach“-Programm in einzelnen Township Gemeinden. Unsere 27 MitarbeiterInnen begegnen im Jahr ca. 300 000 Menschen, deren Leben sich durch die Begegnung mit HOPE Cape Town verändert hat.

Frage: Unabhängig von einzelnen Projekten - was muss sich nach ihrer Ansicht ändern, damit das Massensterben gestoppt werden kann?
Stefan Hippler: Hier in Südafrika müsste die Frage der Prävention neu thematisiert werden – die meisten Ansätze, ob europäisch staatlich oder kirchlich haben in ihrer reinen Form versagt. Dann müssten konsequenterweise alle beteiligten Parteien an einem Strang ziehen. Ganz grob formuliert: Weder das Kondom, das millionenfach unter die Menschen geschmissen wird, ist das Allerheilmittel, noch ist es der absolute Weg der Enthaltsamkeit, der an der Realität der Leute vorbeigeht. Hier müssen Denkweisen von Staat und Kirche zusammenkommen, um den Menschen wirkliche Hilfe zu geben. Die Rolle von Sexualität, die Rolle der Frau in der Gesellschaft müsste grundsätzlich neu überdacht werden. Global gesehen ist mir da immer noch zu viel Halbherzigkeit und eine Spendermentalität, die verkennt, das HIV und AIDS alle angeht. Die Gefahr der Resistenzbildung ist groß – wir sehen es ja jetzt schon im TB Bereich – und die europäischen und nordamerikanischen Länder müssen erkennen, das aus dem Virus, mit dem sich zunächst vor allem Schwule und Fixer infiziert haben, ein „heterosexueller“ Virus geworden ist, der wiederkommen könnte in resistenter Form.
Ich würde mir wünschen, das die Millionen, die für die Kriegseinsätze in Afghanistan und Irak ausgegeben werden, in die Forschung fließen könnten – dann wären wir schon ein gutes Stück weiter mit der Forschung. Wir brauchen dringend eine politische Aktivistenbewegung, die die Regierungen und Gesellschaften dieser Welt bedrängt, mehr zu tun. Mehr zu tun, was Forschung angeht, aber auch mehr zu tun, was Diskriminierung von HIV positiven Menschen angeht. Die Reisebestimmungen vieler Länder, die die Einreise von HIV positiven Menschen erschwert oder verbietet, sind ein klarer Verstoß gegen die Menschenrechte. Länder wie die USA, Singapore, China, Russland, Australien, um nur einige zu nennen, verstoßen klar gegen die Menschenrechtscarta der UN. Da ist massiver politischer Druck notwendig.

Frage: Gibt es nach Ihrer Erfahrung nur Unterschiede oder auch Gemeinsamkeiten zwischen der Situation der HIV-positiven Menschen in den reichen und ärmeren Ländern?
Stefan Hippler: Ich erlebe die Angst vor Ausgrenzung eigentlich gleich, egal ob Menschen in Europa oder Afrika leben, ob sie arm oder reich sind. Solange wir HIV gedanklich fast immer automatisch mit sexuellen „Fehltritten“ oder Spritzengebrauch verbinden, wird das so bleiben. Hier ist ein massives Umdenken gefordert, zum Wohle unseres eigenen Denkens und Handelns und dem von Menschen, die mit dem Virus leben müssen.
Ein Unterschied zwischen reich und arm gibt es sicherlich: Wer arm ist stirbt früher.

Frage: Was hat Sie dazu bewogen, in Ihrer Streitschrift zu schreiben , dass die katholische Kirche als größte globale Institution wie keine andere gegen AIDS kämpfen könnte, wenn sie nur wollte?
Stefan Hippler: Die katholische Kirche ist global gesehen großartig, wenn es um die Pflege von Menschen geht, die krank geworden sind. Gerade in Afrika wäre die Situation noch viel schlimmer ohne die kirchlichen Einrichtungen. Wenn es einen Nobelpreis für Pflege geben würde, der gebührt klar der Kirche. Problematisch bleibt, das moraltheologische Fragen z.B. im Bezug auf Sexualität sicherlich nicht immer so weiterentwickelt worden sind, wie es notwendig wäre; das gleiche gilt für die Stellung der Frau oder die Einforderung der katholischen Soziallehre im heutigen gesellschaftlichen und kirchlichen Leben. Ungewollt wird so zur Stigmatisierung von Menschen beigetragen. Das muss sich ändern, und ich bin sicher, es wird sich auf Dauer auch ändern, auch wenn momentan die Fronten verhärtet zu sein scheinen. Der Geist Gottes wird das schon richten.

Frage: Was sind Ihre Wünsche für die weitere Entwicklung von AIDS-Selbstorganisationen weltweit?
Stefan Hippler: Ich wünsche mir, das wir unsere Arbeit noch mehr vernetzen, internationalisieren, auf einander hören und mehr voneinander lernen.  
Wir danken Ihnen für das Email-Interview und wünschen viel Erfolg bei Ihrer weiteren Arbeit und für Ihr persönliches Leben.

Ralf Bogen (Mitarbeiter beim Förderverein Neue Wege in der HIV-Therapie und von RAINBOW – Infomagazin der AIDS-Hilfe Stuttgart)

 

Zugang zur Behandlung auch zur Vermeidung neuer HIV-Infektionen wichtig!

Nicht nur durch die Benützung von Kondomen können neue HIV-Infektionen vermieden werden.  Auch die Senkung der Viruslast durch antiretrovirale Therapie ist ein wichtiger Faktor hierfür.
Die HIV-Situation in Südafrika ist im Vergleich zu Brasilien heute katastrophal. In Südafrika sind ca. 19 Prozent der Erwachsenen zwischen 15 und 49 Jahre HIV-infiziert. Die südafrikanische Regierung hat jahrelang in unverantwortlicher Weise die antiretrovirale Therapie verteufelt, während in Brasilien frühzeitig damit begonnen wurde, die antiretrovirale Therapie kostenlos 100.000 Infizierten zur Verfügung zu stellen.
 

 

Der Titel eines sehr umstrittenen Papiers der Eidgenössischen Kommission für AIDS-Fragen heißt: „HIV-infizierte Menschen ohne andere STD (sexually transmitted diseases/Geschlechtskrankheiten, Anm. d. A.) sind unter wirksamer antiretroviraler Therapie sexuell nicht infektiös.“ Es wurde in der Schweizerischen Ärztezeitung am 30.01.08 veröffentlicht. Darin schätzt die Schweizer Kommission das HIV-Übertragungsrisiko unter bestimmten Voraussetzungen als vernachlässigbar ein.
Die Kritik im In- und Ausland ließ nicht lang auf sich warten. Kritiker distanzieren sich von der schweizerischen Kommission, da die Daten, auf die sich Letztere stütze, zu wenig gesichert seien. Die zugrunde liegenden Studien – aus Spanien, Brasilien und Uganda – seien mit zu kleinen Stichproben durchgeführt worden, um das HIV-Übertragungsrisiko mit genügender Sicherheit ausschließen zu können. Die Kritiker plagt die Sorge, dass die Safer-Sex-Präventionsbotschaften weniger ernst genommen und die Menschen zu leichtsinnigem Verhalten animiert werden. Vor allem für schwule Männer würde die Schweizer Einschätzung nicht stimmen. U. a. sei das Übertragungsrisiko beim Analverkehr im Unterschied zum Vaginalverkehr viel höher, was von den Wissenschaftlern in der Schweiz aber gar nicht beachtet und geprüft worden sei.
Trotz der aufgezeigten grundsätzlichen Differenzen gibt es Einigkeit unter den europäischen Wissenschaftlern, dass es bei Sex außerhalb einer festen Beziehung heute immer noch keine Alternative zu Safer Sex gibt und dass das HIV-Ansteckungsrisiko unter einer wirksamen antiretroviralen Therapie reduziert werde (
Ärzte-Zeitung vom 7.02.08). Bereits diese Information kann eine wichtige Erleichterung für Menschen mit HIV bedeuten, die auch bei Verwendung von Kondomen und bei einer stabilen Viruslast unter der Nachweisgrenze immer noch ihr Sexualleben durch tief verwurzelte Sorge und Angst beeinträchtigt erleben, ihre Partner zu gefährden – denn Kondome könnten ja reißen.
Dies unterstreicht auch die Bedeutung der neuen Kampagne des Aktionsbündnisses gegen AIDS, mit der der Zugang zu lebenswichtigen AIDS-Medikamenten für therapiebedürftige Betroffenen erreicht werden soll.
 

 

"Wenn viele kleine Leute viele kleine Dinge tun..."

Mehrere Afrikaner haben uns darauf aufmerksam gemacht, dass für den Erfolg der HIV-Therapie in ärmeren Ländern, in denen viele Menschen an Unterernährung leiden, Nahrungszusätze eine wichtige Rolle spielen. Hierzu veröffentlichen wir Auszüge aus den Antworten eines Interview mit Basil Kransdorf (basil@iafrica.com), Bio-Chemiker Econom Foods, Johannesburg, Südafrika von unserem Vereinsmitglied Dr. Ruth Kadalie. Wir bedanken uns herzlich bei Ruth, die seit vielen Jahren sich bereits in der Anti-Apartheid-Bewegung für die Menschen in Südafrika eingesetzt hat.
 

 

„e“ Pap
Wir haben ein vorgekochtes Nahrungsmittel kreiert, das aus Mais besteht mit Zusatz von Soja (um den Aminosäuremangel des Mais auszugleichen) und angereichert ist mit 28 Nährstoffen (Vitaminen und Mineralien), (...) Durch das Vorkochen ist der Erhalt der empfindlichen Vitamine im „e“Pap gewährleistet (...). Eine Portion „e“Pap täglich zu sich zu nehmen ist so, als ob man ein Menü mit sechs Gängen gegessen hätte, ein sonst unerreichbarer Vorgang für Menschen in armen Bevölkerungen. (...)
„e“Pap ist (...) klinisch und akademisch ausgewertet worden und wurde in vielfältigen Programmen überwacht, bei Schulspeisungen, bei HIV-positiven Kindern und Jugendlichen, alten Menschen und Waisen. Es wird auch eingesetzt für die Arbeiterschaft in Betrieben. (..) Belastende Symptome wie Durchfälle, Erbrechen, Hautirritation lassen nach, sie fühlen sich insgesamt besser, Müdigkeits- und Schwächegefühle verschwinden, das angegriffene Immunsystem kann sich stabilisieren, die meisten nehmen auch an Gewicht wieder etwas zu.

Krisenzustand in der Ernährung findet zu wenig Beachtung
Ich denke, dass die internationale Öffentlichkeit bisher die HIV/AIDS Situation im südlichen Afrika gar nicht ausreichend registriert hat. (...) Meiner Meinung nach (...) wird die Krise zu einseitig und ausschließlich unter dem Versorgungsaspekt mit Medikamenten gesehen, während der Krisenzustand in der Ernährung zu wenig Beachtung findet. (...) Unter dem Aspekt der Einnahme starker Medikamente für TBC und Malaria und der regelmäßigen Einnahme von ART, ist ein unterernährter Körperzustand fatal. Wenn er sich jedoch in einem optimal ernährten Zustand befindet, kann das eigene Immunsystem verstärkt mobilisiert werden und den Kampf gegen die Vielzahl auftretender opportunistischer Krankheiten weitaus besser aufnehmen. Das bedeutet, eine Chance für die Menschen ist die kombinierte Anwendung von optimaler Ernährung und Medikamenten. (...)

„Wenn viele kleine Leute viele kleine Dinge tun...“
Der Arzt Dr. Waza Kaunda, Sohn des früheren Präsidenten in Zambia, Kenneth Kaunda, hat dokumentiert, dass seine in ländlichen Gegenden Zambias eingeleitete Versorgung mit „e“Pap an HIV-positive Menschen, die unmittelbare Todesrate um 50% senken konnte, eine lebensverlängernde Chance, die für die Betroffenen und ihre Familien von unschätzbarem Wert ist. Dr. Kaundas Aussage ist: Diese Maßnahme ist kosteneffektiv, wirksam und umsetzbar. Er arbeitet in Zambia mit dem Slogan: „Wir werden die Mütter am Leben halten“.
Wir haben jeden Monat viele Hunderte Anfragen für die Versorgung von Kinderhaushalten, Waisenheimen, HIV/AIDS Beratungsstellen, ambulanten Kliniken, Suppenküchen in den Elendsvierteln Schwarzer Ballungszentren, und wir arbeiten mit einer Unzahl ehrenamtlich engagierter, einsatzbereiter Menschen an der Basis zusammen, um eine Versorgung mit „e“Pap zu ermöglichen. Mit zusätzlichen zweckgebundenen Spenden aus Europa könnte eine Wende erreicht werden. Wie sagt doch das alte chinesische Sprichwort: „Wenn viele kleine Leute viele kleine Dinge tun, können sie die Welt verändern.“